Wie das Bewegbild in den letzten Jahren die Arbeit des Fachjournalisten verändert hat – und wie der Kostendruck und der Trend zum schnellen Konsum den Umgang damit schlichter gemacht hat. 

Vor knapp acht Jahren startetet ich zusammen mit meinen Kollegen Frank Oliver Grün und Jochen Wieloch mit der Produktion von redaktionellen und werblichen Produktvideos. Das Vorhaben: Redaktionelle Videos, die einerseits technische Zusammenhänge einfach verständlich erklären, andererseits dem qualitativen Anspruch an eine TV-Produktion gerecht werden und drittens nicht die Welt kosten. Mit dem Web-Video-Portal Digital-Room (heute der Technik-Blog http://www.digitalzimmer.de) verfolgten wir dieses Ziel ein paar Jahre lang mit großem ideellem und finanziellem Einsatz und ernteten viel Anerkennung von Zuschauern, Kollegen und aus der Branche. Nur leider zu wenig Einkommen. Dafür fragten uns immer mehr Firmen, ob wir in solchen Videos nicht auch ihre Geräte und Dienste erklären könnten – für deren Webseiten, YouTube-Kanäle oder auch für Präsentationen auf Messen oder am „Point of Sale“.

Image und Produktvideos für Firmenkunden

Das machen wir bis heute durchaus erfolgreich und bieten diese Dienste gemeinsam über die Digital-Room GmbH an. Das hier eingebettete Video über die Musterhausausstellungen der Firma Eigenheim und Garten war eines dieser Projekte. Für solche Image-Videos stellen wir jedes Mal ein maßgeschneidertes Drehteam zusammen – soll es schnell und billig laufen, dann arbeitet eine Person als Regisseur, Kameramann, Chefbeleuchter, Cutter und Dreh-Assistent in Personalunion. Wir können das, weil wir ja gelernt haben, mit wenig Aufwand ein möglichst hochwertiges Ergebnis zu erzielen.

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Kameramann, Ton-Assistent und Komparsen beim Dreh im Musterhaus. ©R. Otter
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Drehteam mit Drohnenpilot (hier Drohnen-los), Ton-Assistent, Regisseur und Kameramann. ©R. Otter

Für die meisten Projekte arbeiten wir aber mit erfahrenen Kamerateams zusammen und sind mit drei bis vier Leuten am Set. Das Ergebnis ist dann ein völlig Anderes. Es kommt etwa eine Drohne zum Einsatz oder ein Kameradolly. Kameramann und Assistent können sich ausschließlich auf die Beleuchtung, die Bilder und den guten Ton konzentrieren, während ich als Autor und Regisseur mich auf die Story konzentriere.

Egal, wie wir produzieren: An offensichtlichen Qualitätsmerkmalen wird nicht gespart. So kommen etwa stets professionelle Sprecher zum Einsatz, wenn ein Kommentar aus dem Off die Bilder unterlegt. Das kostet Geld, aber der professionelle Ton verbessert die Wirkung jedes noch so mittelmäßigen Bildes enorm – das lernt selbst Lieschen Müller automatisch beim RTL-Nachmittagsfernsehen. Und das wird wirklich billig produziert.

Vom Profi-Video zum Videoblog

Jetzt gibt es ein Phänomen, das uns alle rechts überholt hat: Es geht gar nicht mehr darum, professionell wirkende Videos zu präsentieren, sie sollen vielmehr echt und authentisch wirken. Heerscharen von Bloggern und YouTube-Selbstvermarktern stellen sich dafür in schlecht ausgeleuchtete Kammern und reden drauflos. Merkmale klassischer Produktionstechniken und Regeln für Schnittfolgen oder Einstellungen sind egal. Es wird „One Shot“ gefilmt und hinterher notdürftig zusammengeschnitten, mit harten Sprüngen, Unschärfen und nicht selten grottigem Ton.

Wir Profi-Journalisten sollten uns da mal nicht so haben… und mitmachen. Das macht jedenfalls ein Magazin nach dem anderen. Es darf (fast) nichts kosten, soll natürlich und locker rüberkommen.

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Unterwegs als rasender Selfie-Reporter – lustig, bisschen peinlich, aber auch ein Stück Transparenz gegenüber dem Leser: Ja, wir sind wirklich dort, wo es Neues zu sehen gibt.

Ganz ehrlich: Lange Zeit war das für mich eine rote Linie. Ich schreibe Drehbücher, führe Regie, schneide Videos, teste Geräte und verfasse Artikel. Aber ich stelle mich nicht vor eine Kamera und rede locker drauflos. Das habe ich nicht gelernt und trete dabei folglich auch nicht professionell auf.

Oder eben grade doch? Was tun, wenn einer der wichtigsten Kunden einen Auftrag mit der Frage verbindet, ob ich nicht auf dem betreffenden Termin für die neue Webvideoshow der Redaktion einen kurzen Einspieler mit einem Statement im Selfie-Stil mitschicke? Klare Sache: Man probiert’s aus. So ist das nun schon mehrmals passiert: Mein Einsatz als Außenreporter für das neue Format der „Video Technite„, mit der die Redaktion Video ihre Leser jeden Freitag vor den Computer- oder Smart-TV-Schirm lockt. Auch hier stehen die KollegInnen Antonia Layer, Andreas Stumptner und Roland Seibt in wechselnden Besetzungen vor der Kamera und plaudern darüber, was sie die Woche über so alles getan haben und was es neues in der Branche gibt. Auch nicht wirklich professionell, aber überaus authentisch.

Also: iPhone raus, Weitwinkel-Vorsatz dran, hochhalten und los. Und was soll ich sagen – es schaut zwar am Ende reichlich peinlich aus, aber das Ganze macht sogar Spaß. Und wo ich früher 23,5 Anläufe brauchte, um einen halbwegs geraden Fazit-Satz in die Kamera reinzusprechen, da grinse ich heute über Versprecher, “Ähs” und andere Aussetzer hinweg – und lasse sie stehen. Das machen im Web schließlich fast alle so.

Das mobile Videostudio

Die Technik dahinter funktioniert ganz ähnlich wie bei der professionellen Videoproduktion im Studio: Die Videos werden vom Smartphone aufs Macbook Pro kopiert und dort in Final Cut Pro 10 geschnitten – inklusive Farbkorrektur, Bildstabilisator und Ton-Optimierung. Das passiert zum Beispiel auf der Bahnfahrt nach Hause.

Beim mobilen Videoeinsatz  sind mir ein paar Gerätschaften als treue Begleiter ans Herz gewachsen:

  • Ein externes SSD-Drive mit 500 GB Kapazität von Brinell ist das perfekte, weil ultraschnelle und zugleich federleichte und robuste Datensilo für die Videodateien. Immerhin kommt es beim Schnitt darauf an, dass große Datenmengen ebenso schnell mit dem Schnittprogramm ausgetauscht werden können wie von der internen Festplatte. Mit dieser externen Speicherlösung konnte ich noch nie einen praktischen Unterschied feststellen. Weiteres Plus: Das Kabel hängt fest dran, ich kann es nicht vergessen.
  • Die mobile Swiftpoint-Funkmaus, die man fast wie einen Stift in der Hand hält und die so sehr präzise Bewegungen auf der Timeline oder bei der Feinjustage von Videoeffekten erlaubt.
  • Die Active Lense von Olloclip, die das iPhone und andere verbreitete Smartphones mit Wechseloptiken erweitert. Sie lässt sich auf beide Kameras des iPhones  aufsetzen und erzeugt wahlweise eine Darstellung im Stil einer Actioncam oder eine zweifache Tele-Einstellung. So lassen sich mit einfachsten Mitteln mehrere Einstellungsgrößen aufnehmen. Im Ultraweitwinkel etwa nehme ich meine Aufsager am gestreckten Arm auf – oder auch mal ein Kurz-Interview auf einem Messestand. Denn es gibt noch immer eine rote Linie: Ein Selfie-Stick kommt mir nicht in den Rucksack!
  • A apropos Aufsager: Bei den ersten Gehversuchen mit dieser Produktionstechnik kam am Ende dank massiver Störgeräusche auf Messen und Pressekonferenzen ein mehr als bescheidenes Audioniveau heraus. Deshalb kommt für den nächsten Einsatz ein Ansteckmikrofon mit Miniklinkenanschluss zum mobilen Videostudio dazu. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt.
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Mobiles Videostudio: Macbook pro, Final Cut pro 10 und ein externer SSD-Speicher bilden unterwegs die Basis für den Schnitt. © R. Otter

Insgesamt wiegt das mobile Videostudio so nur knapp 200 Gramm zusätzlich zu den Geräten, die ich ohnehin fast immer bei mir habe. Natürlich produziere ich auf diese Weise keine Hochglanz-Imagevideos. Es geht nur um kurze Einspieler und Statements, oder mal ein paar O-Töne (fast) live von einer Messe – eben für interessierte Leser ein kleines Protokoll dessen, was ich so tue.

Für hochwertige Corporate-Videos, Produktfeatures und andere dauerhaften Produktionen würde ich nach wie vor dringend zu professionellen Produktionsmitteln raten. Und zu ausgebildeten Sprechern ohne meinen näselnden schwäbischen Akzent. Zum Glück können wir das auch.

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