Immer wieder tauchen auf Facebook, Twitter und in anderen Kanälen diese höchst interessanten Beiträge von oder über „Experten“ auf. Gerade ist mir der hier über den Bildschirm gehüpft.

Kurze Zusammenfassung: Gespräch zwischen Umweltaktivist und einem wie auch immer studierten Physiker für Reaktortechnik. Essenz: Wer sagt, dass zu viel CO2 in der Luft sei, erzählt Blödsinn. Denn es sind nur 0,038 %. Und a) hat der Mensch daran kaum Anteil (nur 4 % davon). b) Deutschland hat von diesen 4% nur einen Anteil von 3,1%. Den zu verringern, würde 50 Mrd Euro jährlich kosten. Also vergesst den ganzen Aktionismus und vor allem die nationalen Pläne, den CO2-Ausstoß vermeiden zu wollen.

Natürlich kann nicht jeder Umweltaktivist alle Zusammenhänge bis ins letzte Detail kennen, daher kommt der irgendwie studierte Reaktorphysiker und Thermohydrauliker (oder so manche/r Andere/r, der gern hört, dass alles halb so wild ist) mit einer in Zahlen durchaus korrekten, aber in der Schlussfolgerung sehr sehr falschen Darstellung durch. Dann erzählt er das auf Facebook und findet Menschen, die es lesen, sich möglicherweise bestätigt fühlen und es teilen.

Auch wenn’s ermüdet. Das kann und will ich so nicht stehen lassen.

Aus meiner spontanen Erwiderung wurde in recht kurzer Zeit ein ziemlich umfangreicher Text, der mir für eine Facebook-Seite viel zu lang und als einzelne Äußerung auch zu schade ist. Da solche Themen derzeit ständig auf einen einprasseln, hier mal eine Erwiderung, die auch anderswo einsetzbar ist. Wenn wieder mal jemand über den aktuellen Klimawandel als Phantom fabuliert oder die Entwicklung der CO2 Konzentration als ganz normal darstellt…

Ich würde mich dabei nicht als Experten bezeichnen. Eher als das, was ic ohnehin bin, ein Technikjournalist, Physiker-Sohn und Elektro-Ingenieur mit tiefem Interesse an zeitgemäßen Energie-Themen. Hier habe ich versucht, den aktuellen Erkenntnisstand in den wichtigsten Zusammenhängen zusammen zu fassen. Nicht unfehlbar und schon gar nicht erschöpfend. Aber m.E. in den wichtigsten Punkten nachweisbar.

1. CO2 spielt in der Luft gegenüber Sauerstoff und Stickstoff kaum eine Rolle?

Stimmt. In der Luft ist nur ganz wenig Kohlendioxid. Und das ist gut so. Wer das nicht glaubt, der atme mal bitte aus einer CO2-Patrone tief ein. Nicht! Aber so zu argumentieren ist – mit Verlaub – Blödsinn. Oder ist Rauchen deshalb super gesund, weil im Rauch einer Zigarette nur wenige Mikrogramm Nikotin sind, man beim inhalieren aber ein Vielfaches davon an Sauerstoff mit in die Lunge einzieht?

Über die letzten paar Hunderttausend Jahre lag die CO2 Konzentration immer so zwischen 180 und 280 ppm (Parts per Million, was tatsächlich sehr wenig ist, nämlich 0,018 bis 0,028%). Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich die Konzentration auf über 400 ppm bzw, 0,04% im Jahresmittel gesteigert. Gegenüber de m19. Jahrhundert ist das auf jeden Fall eine Steigerung um 50 %.

So sah die Entwicklung vom Jahr 0 bis 2007 aus. Mittlerweile liegt die gemessene CO2 Konzentration am Mund Loa auf Hawaii bei über 400 ppm. ( Quelle: Nach IPCC (2007): Climate Change 2007, Working Group I: The Science of Climate Change, Figure 2.3 und FAQ 2.1, Figure 1)

Die Anteile von Sauerstoff und Stickstoff sind in geschichtlicher Zeit weit gehend gleich geblieben. Aber CO2 ist nunmal eines der Gas es, die maßgeblich mitverantwortlich sind für den Treibhauseffekt. Neben z.B. Methan. Das kann man auch thematisieren, führt aber hier eher zu weit.

Zufällig steigt die Konzentration so massiv an, seitdem Menschen in gigantischem Stil fossile Rohstoffe verbrennen. Gas, Öl, Kohle. Die wiederum sind nichts anderes als die eingelagerten CO2-Bunker der gesamten Erdgeschichte.

2. Der Treibhauseffekt ist lebenswichtig und war schon (fast) immer da?

Um die typische Gegenthese gleich aufzugreifen: Korrekt – der Treibhauseffekt hält die Temperatur auf der Erde stabil – und damit die Lebensbedingungen über lange Zeiträume. So ermöglichte er erst die Entstehungen des Lebens und die Evolution bis zum modernen Menschen.

Wenn man allerdings die Erdgeschichte etwas genauer betachtet, dann wurde es für das Leben und einzelne Spezies immer dann sehr spannend, wenn sich an diesem Gleichgewicht relativ schnell relativ viel änderte. Und damit ggfs. nochmals Punkt 1 nachlesen. Oder die folgende Grafik anschauen. Vor allem ganz rechts.

Stimmt, es gab Zeiten, da war die CO2 Konzentration viel höher. Das höhere Leben auf dem Planeten, wie wir es heute kennen, fand aber komplett im allerletzten Stückchen der Grafik statt. Die Dinos z.B. lebten dagegen vor den Zeiten des Maximums.

3. Der Anteil des Menschen an der CO2 Emission ist tatsächlich klein. Aber nur in absoluten Zahlen.

Eines der häufigsten Argumente: Der Mensch trägt nur mit ein paar wenigen Prozent zusätzlich zur CO2 Emission bei.

Stimmt.

Das allermeiste CO2 wird aus der Natur in die Natur ausgetauscht (nennen wir es mal N2N). Der menschliche Anteil (M2N) beträgt jährlich zwischen 1 und 3 ppm, ist dabei allerdings steigend (siehe unten). Der springende Punkt: Dieser Teil kommt zusätzlich zum natürlichen Kreislauf in die Atmosphäre – und bleibt dort, so lange es keine zusätzlichen CO2-Senken gibt.

Die Entwicklung des menschlichen Anteils an der CO2 Emission nach Messungen an der Station auf Hawaii. (Quelle: NOAA (2016): Annual Mean Growth Rate for Mauna Loa, Hawaii)

Das ist also der Teil, der über das Gleichgewicht aus natürlichem Ausstoß und Abbau von CO2 hinaus geht und der damit für das Wachstum der CO2 Konzentration verantwortlich ist. So kommt die Steigerung um über 50% seit der vorindustriellen Zeit zustande. Wenn der Mensch gleichzeitig im großen Stil CO2 Senken zurück baut, z.B. durch Rodung von Wäldern, dann verstärkt sich der Effekt natürlich weiter.

4. Anteile und Kosten für die CO2 Reduktion

„Was sollen wir schon tun, der Anteil von Deutschland an der CO2 Emission ist winzig“.

Ja, klar! Vor allem, wenn 192 einzelne Staaten das genau so sagen.

Über die Anteile einzelner Länder an der Erzeugung und/oder Reduktion von CO2 sowie zu den zugehörigen Kosten kann man alles mögliche sagen, abwägen, vergleichen etc.. Unser eingangs erwähnter „Experte“ schreibt z.B. etwas von 50 Milliarden Euro pro Jahr, die für die Reduktion des CO2 Ausstoßes in Deutschland jährlich an Steuergeldern anfallen würden.

Diese Zahl kann ich unmöglich einordnen und habe sie noch nie in dieser Einfachheit gelesen. Daher würde ich mich über eine Quelle freuen. Andererseits zählte eine seriöse Studie im Auftrag von Greenpeace im Jahr 2017 rund 46 Mrd. Euro pro Jahr direkter oder indirekter Subventionen in klimaschädliche Energieträger, Technologien und Industrien zusammen. Ich glaube nicht, dass jede Einzelne dieser Förderungen doof, falsch oder völlig fehlgeleitet ist. Will ich auch gar nicht bewerten. Es ist angesichts dieser Summe aber schwierig zu argumentieren, dass kein Geld für sinnvolle Subventionen da sei.

5. …und was ist mit den Milliarden Förderungen in erneuerbare Energie?

Genau – jetzt kommt für gewöhnlich die Gegenthese, dass doch bereits unendlich viel Geld vom Staat in die Förderungen dieser ganzen grün versifften Energiewende fließt… diese ganze Energiesteuer.

Falsch.

Die Energiewende wird zumindest im Stromsektor nicht mit Steuergeldern subventioniert, sondern über die EEG-Umlage. Damit zahlen Verbraucher die Energiewende hier direkt. Das Geld taucht in keinem öffentlichen Haushalt auf. Der Strom wird damit einfach teurer – und zwar erst Recht, wenn es sich um Ökostrom handelt. Genau gesagt 6,3 Cent pro Kilowattstunde und einiger weitere Umlagen für Offshore, steuerbare Lasten, Kraft-Wärme-Kopplung etcplus Mehrwertsteuer . Und die Krönung: Ökostrom oder das, was sich in der Stromrechnung so nennt, kostet einfach nochmal ein Viertel Cent mehr.

Wohl gemerkt: Die erneuerbaren Energien werden nicht von energieintensiven Industrien bezahlt. Die sind von der EEG-Umlage ausgenommen – eine politische Entscheidung, die sinnvoll sein kann, aber nicht muss. Das Verrückte daran: Im Stromsektor ist die Energiewende schon am Weitesten; auch wenn der Ausbau derzeit durch politische Entscheidungen wie die Deckelung der Wind- und PV-Ausschreibungen, schwierige Genehmigungsverfahren und die sinkende Umlagenförderung deutlich stockt.

Kurzer Einwurf: was heute alles nicht gefördert wird

Im Entwurf zum neuen Gebäudeenergiegesetz (GEG2019) etwa fehlen klare Forderungen und politische Mechanismen dazu, dass Gebäude künftig ihre Potentiale zur Energieerzeugung nutzen müssen. Oder dass in Gebäuden Technologien zum Energiemanagement eingesetzt werden – ob verpflichtend, über Förderungen oder wie auch immer. Stichwort flexibles, netzdienliches Laden von Elektroautos und Heizungs-Wärmespeichern – also Akkus und Wasserspeicher dann laden, wenn viel Strom aus Sonne und Wind das Netz fluten. Es gäbe hier unzählige Modelle, das einzufordern, selbst ohne zusätzliche Kosten für Bauherren, z.B. über Dach-Pacht mit vergünstigten Netzentgelten durch Stadtwerke, echten Mieterstrom, unbürokratische, geförderte Quartierlösungen, vergünstigte Stromtarife für Haushalte mit flexibel steuerbaren Verbrauchern etc.

Wie gesagt, nichts davon wird derzeit im großen Stil subventioniert. Die meisten technisch möglichen Lösungen der vernetzten Energiewende … Stichwort Smart Grid – sind nicht einmal im Strommarkt vorgesehen. Oder sie werden so sehr erschwert und mit Gebühren belegt, dass niemand sie einsetzt.

Die anderen Energieträger und Sektoren wie Verkehr oder Wärme aus Öl, Gas, Kohle, etc. werden dagegen auf vielerlei Weise subventioniert, während dort die Emissionen kaum sinken. Populäre Beispiele: Dienstwagen-Privilegien, Pendlerpauschale für Autofahrer, Straßen(aus)bau, Kesseltauschprämien, auch wenn Gas- oder Ölthermen eingebaut werden. Und natürlich die Entsorgung und Lagerung von Atommüll. Sicher alles irgendwo sinnvoll und wichtig, aber eben Subventionen in die „alten“ Energieträger. Aus Steuergeldern. Nicht gezahlte Steuern durch Steuerbefreiungen und Abschreibungsmöglichkeiten sind natürlich ebenfalls Subventionen.

Ergo: Saubere Stromerzeugung macht Energie tendenziell teurer (vor allem den sauberen Strom selbst). Gas, Öl, Kohlestrom sowie Atomkraft und deren Einsatz werden dagegen an verschiedenen Stellen durch Steuergelder billig gerechnet. Natürlich zahlt beides Mal die Gesellschaft die Zeche. Nur eben so: Beim Strom mit > 40% Regenerativem Anteil ist der direkte Preis entsprechend gestiegen, bei den anderen Energieträgern sind es Steuergelder, die den Verbraucherpreis niedrig halten. Der Wandel zu sauberem Verkehr – also z.B. Elektromobilität aus PV- und Windstrom oder elektrischen Heizungen – wird damit nicht aktiv angetriggert. Im Gegenteil.

5. Niemand möchte die CO2 Reduktion nur durch Steuergelder bezahlen

Aber da ist noch etwas, das in der Diskussion immer wieder völlig schräg daher kommt: Kein politischer Akteur in Deutschland spricht heute in erster Linie über klassische Subventionen zur CO2 Reduktion. Es geht fast überall um die so genannte „aufkommensneutrale CO2-Bepreisung“. Nennen wir es CO2-Steuer, CO2-Preis, Erweiterten Emissionshandel, …. egal! Niemand spricht von 50 Mrd zusätzlicher Steuergelder, es geht eher um finanzielle Belohnungen für CO2-arme Technologien gegenüber CO2-intensiven Produkten und Lösungen.

Ich selbst glaube nicht, dass die Energie-, Verkehrs und Wärmewende inklusive Sektorenkopplung, Netzausbau etc. so richtig aufkommensneutral möglich ist. Wenn aber zusätzlich zu einem wie auch immer gearteten CO2-Preis mit sozialen Ausgleichs-Komponenten wie Klimakonten für Bürger und Unternehmen alle Subventionen Zug um Zug daran gemessen werden, wie klimafreundlich sie eingesetzt werden, dann sollten über den CO2 Preis hinaus noch eine ganz Menge Mittel zur Verfügung stehen. Zum Beispiel eben die genannten 46 Mrd. Auch diese Förderungen sind aus heutiger Sicht aufkommensneutral – und erfüllen, richtig umgeleitet, die notwendige Lenkungswirkung. Und dann würden die klimaschädlichen Technologien gar nicht mehr so gut da stehen.

6. Nichts für generelle Klimawandel-Leugner

Einigen sollten sich alle Beteiligten aber in jedem Fall auf das Ziel, CO2- und andere klimaschädliche Emissionen insgesamt zu senken. Und dass daran jedes Gemeinwesen arbeiten muss. Welchen Anteil Deutschland daran hat und wie hoch er in der gesamten Industriegeschichte war und ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Auf dem Niveau „Mein Sandkasten, mein Förmchen, meine Welt“ zu argumentieren, ist in der Kita okay. In öffentlichen Beiträgen aber zuerst mit naturwissenschaftlichen Studienfächern zu werben, um dann mit „Ätschibätschi, wir haben den Kleineren (Ausstoß)“ jeglichen Beitrag zur Lösung eines Problems abzulehnen, ist dagegen entlarvend ärmlich.

Wer den menschengemachten Klimawandel partout nicht sieht, dem werden weder meine bescheidenen Ausführungen noch die Erkenntnisse unzähliger anderer Menschen mit halbwegs klarem Verstand helfen. Auch keine Schüler, und schon gar nicht Bilder von Greta Thunberg an polemischen Posts. Da hätte ich nur eine Bitte: Lasst doch bitte pseudosachliche Zahlenspiele und unhaltbare naturwissenschaftliche Vergleiche bleiben. Sagt einfach, was ihr denkt. Für eine frei geäußerte Meinung, und sei sie noch so falsch, ist keinerlei Nachweis nötig.

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