Wie nett, alle Jahre wieder. Diesen Text habe ich im Januar 2019 angefangen und dann wieder vergessen. Er war damals durch eine Diskussion im Deutschlandfunk rund ums Tempolimit auf Autobahnen inspiriert, aus der ich unten eine Kleinigkeit von einem Mann mit besonders flachem Auto und entsprechender Argumentation zitiere. Aber – wie schön – jetzt haben wir ja dank einer neuen SPD-Spitze wieder das Vergüngen. Ich kann den Entwurf recycelnund folge dabei einfach mal der Argumentation der Gegner in die Städte…

Ganz schön verrückte Zeiten, in denen wir leben und langsam graue Haare bekommen. Wissenschaftlich triviale Erkenntnisse werden, einmal publiziert, mit Verweis auf einen wie auch immer definierten gesunden Menschenverstand von höchster Stelle abgebügelt. Jeder weiß zum Beispiel, dass ein Auto mit 90 km/h deutlich weniger Sprit verbraucht als mit 190 km/h. Und dass weniger Verbrauch weniger Abgase verursacht. Und weniger CO2. Und jeder kann nachlesen, dass die Motoren deutscher Autos in den letzten 30 Jahren immer effizienter wurden, die Fahrzeuge insgesamt aber nicht weniger verbrauchen. Weil sie heute größer, schwerer, stärker und schneller sind.

Dass langsamer Fahren sicherer ist, muss auch kein Feldtest mehr nachweisen. Das ist bekannt. Sonst würde doch niemand vor der Kita Tempo 30 fordern. Auf der Autobahn ist das natürlich etwas Anderes. Da ist Schnell gleich Sicher. Sagen jedenfalls viele, die gegen eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung zu Felde ziehen. Vermutlich meinen sie, es ist sicherer und daher besser, wenn man auf der Autobahn immer ganz schnell weg ist. Also nicht so lange da. Denn da ist es ja gefährlich. Wegen der hohen Geschwindigkeiten. Wie auch immer…

Wenn man nun aber versucht zu diskutieren, dass ein Tempolimit auf Autobahnen das vielleicht günstigste Mittel wäre, um die CO2 Bilanz im Straßenverkehr zumindest nicht weiter zu verschlechtern, dann entbrennt eine hitzige Diskussion um die individuelle Freiheit, den geringen Nutzen der Maßnahme und so weiter und so fort. Nicht mit dem örtlichen Golf GTI Club. Mit denen, die die Gesetze machen könnten. Und mit Leuten wie Ulf Poschardt, der eine der großen bundesweiten Zeitungsmarken anführt. Der sagt Sätze sagt wie: „Die Autobahn hat sich als das letzte Freiheitsfeld erwiesen, wo wir mehr Freiheit genießen, als andere auf der Welt, sonst sind wir eigentlich immer auf Freiheitstabellen nicht auf den vorderen Plätzen zu finden“. An anderer Stelle pflegte er auch schon den beliebten Autofahrer-Whataboutism: Bevor wir die Freiheit der Leute auf der Autobahn beschneiden, sollte erstmal in den Städten viel mehr passieren, um die Luftverschmutzung einzudämmen. Is klar, Ulf. Schließlich leben die Menschen ja in Städten und nicht auf der Autobahn. Und außerdem regieren in vielen Städten ja die Grünen – und die tun offenbar auch nichts. (Sagt er auch immer wieder gern).

Dann kommt in einer Stadt ein Diesel-Fahrverbot. Weil die durch Autos verursachten Emissionen seit Jahren über den Grenzwerten liegen. Weil Autos mehr Dreck ausstoßen als sie dürfen. Das Fahrverbot entscheiden keine Grünen, sondern Gerichte. Grüne (und die übrigen Parteien, mit denen sie zusammen Kommunalpolitik gestalten) bauen auch keine Autos. Aber sie sind es, die das Fahrverbot erlassen müssen. Also: Alle auf die Straße! Protestieren! Poschardt und Gesinnungsbrüder vorneweg. Denn der findet das ganze Umweltgedöns hysterisch und kritisiert Grüne und Umweltschutzorganisationen, die sich mit „Freiheit schwertun und anderen Leuten gerne ihren Lebensstill vorschreiben würden“

Einer der liebsten Einwürfe der Autofraktion: Es wird zu wenig für Alternativen zum MIV, dem „Motorisierten Individual-Verkehr“ getan. Stimmt, das tut wirklich Not. Die Bahnen in unserer schönen Stadt sind oft ziemlich voll. Fast so voll wie die Straßen. Das Gute an den Bahnen, wenn sie rappelvoll sind: Sie fahren trotzdem. Ist die Straße rappelvoll, dann bewegt sich nicht mehr viel. Immerhin werden Busse und Bahnen ausgebaut, zumindest hier in Stuttgart. Das dauert viel zu lange. Aber wenn man mal die Ehre hat, genauer in solche Planungsprozesse reinzuschauen, dann wird schnell klar, dass eine U-Bahnlinie eben nicht im Hobbykeller entsteht. Fünf Jahre sind da planerisch fast nichts.

Was schneller gehen könnte. wären Radwege. Die sind nicht so aufwendig. Daran plant Stuttgart seit Jahren. Hauptradrouten, Nebenhauptradrouten, ein Radwege-Ring um die Innenstadt, Fahrradspuren entlang der Durchgangsstraßen und vieles mehr. Gerade jetzt ging ein toller Plan glatt durch den Gemeinderat: In einem wichtigen Bereich der Innenstadt macht man recht kurzfristig aus sechs Spuren für Autos vier. Statt zwei Fahrspuren und einer Parkspur pro Richtung gibt’s künftig nur noch zwei Fahrspuren. Und je eine „Protected Bike Lane“ – ein großzügiger, baulich getrennter Radweg. Und schon wieder beben die Kommentarspalten. Wie kann man nur so viele Parkplätze wegnehmen. Wie sollen die Menschen denn in die Innenstadt kommen? Sie sind doch aufs Auto angewiesen!!11!!! Und gerade Alte und Gebrechliche? Linksgrünversiffter Blödsinn!

Gut, direkt daneben sind 2-3 große Tiefgaragen. Und jede Menge S-Bahn-, U-Bahn- und Buslinien mit Haltestellen, die näher als jeder durchschnittliche freie Parkplatz von jedem Punkt der Innenstadt weg sind. Ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob nicht schon ein wütend hupender Autokorso die Theodor-Heuss-Straße geflutet hat. Dort wird dann vermutlich skandiert, man solle doch zunächst mal auf den Autobahnen anfangen den Verkehr einzudämmen und sauberer zu machen.

Stimmt, da gäbe es total günstige Möglichkeiten …

Was schätzt Ihr, wie oft kommt das Thema noch auf, bis etwas passiert?